In der modernen spanischen Kultur gibt es einen To-pos, demzufolge die Spanier die einzigen Europäer sind, die sich beharrlich die Frage nach sich selber stellen, ohne jemals eine Antwort zu finden. Indes ist dies ganz so sicher nicht: Weder sind wir, die Spanier, die einzigen, die sich ständig nach ihrer Identität fragen (Franzosen oder Deutsche tun dies mit der gleichen Beharrlichkeit), noch haben wir keine Antworten ge-funden – vielleicht waren es derer gar zu viele. Sicher ist dagegen, daß ein guter Teil der spanischen Kultur sich um das ,Problem Spanien’ dreht; ein Problem, dessen Ursprung auf einen nicht immer klar verstan-denen, aber in der Wirklichkeit leicht erkennbaren geschichtlichen Weg zurückgeht: Eine Nation, die aus einem Kreuzzug in ihrem eigenen Territorium entstanden war, die beim Anbruch der Moderne das größte Reich der Epoche formte, beginnt in dem Maße an Kraft zu verlieren, in dem diese Moderne fortschreitet – und dies hauptsächlich, weil Spanien sich nicht ganz den modernen Stanzen eines National-staates anzupassen schien. Die kollektive spanische Identität wurde somit zum Problem.
Im Verlaufe des Jahres 1998 wurde der hundertste Jahrestag eines Ereignisses begangen, das sich auf diese kollektive Identität traumatisch ausgewirkt hat – das ,Desaster’ von 1898, als die Krone ihre letzten Besitzungen verlor. Ganz allgemein kann gesagt wer-den, daß jenes Trauma, das das nationale Bewußtsein über Jahrzehnte hinweg geprägt hat, inzwischen überwunden ist. Jedoch gedachte man im selben Jahr 1998 auch eines anderen bedeutenden Ereignisses – man feierte den zwanzigsten Jahrestag der Verfas sung von 1978, des Ecksteins des spanischen Über-gangs (transición) zur Demokratie. Und dieser Jahrestag wurde zu einem Zeitpunkt begangen, als sich die Debatte über das kollektive spanische Bewußtsein intensivierte; schließlich schuf die Ver-fassung nicht nur die Grundlagen der politischen Demokratisierung Spaniens, sondern führte auch zur Schaffung eines neuen, bislang unbekannten Modells der Territorialgestaltung: des Status der Autonomen Gemeinschaften, der den Regionen sehr weitrei-chende Kompetenzen im Bereich der Selbstverwal-tung verleiht. Jedoch scheint dieses Modell durch gewisse Forderungen der nationalistischen Parteien in Frage gestellt worden zu sein, die in zwei dieser Regionen die Regierungsgewalt innehaben. Und in der Tat: Wenn man heute in Spanien den Begriff, nationalistisch’ verwendet, bezieht man sich nicht auf jene, die die spanische Idee verherrlichen, son-dern auf jene, die die baskische oder katalanische Volkszugehörigkeit hochhalten: Es gibt keinen Natio-nalismus außer dem ,Nationalismus der Peripherie’. Und gerade diese Frage hat sich im Verlaufe des Jahres 1998 zur großen nationalen Debatte ent-wickelt.
Es ist in der Tat sehr bezeichnend, daß es die Debatte über die Territorialstruktur vermocht hat, das gesamte Nachdenken über den zwanzigsten Jahres-tag der Verfassung für sich in Anspruch zu nehmen. Dies trifft sogar auf den Band zu, den die Mitglieder des für die Verfassung von 1978 gegründeten Aus-schusses als Festschrift und als Vergegenwärtigung des seinerzeitigen Geschehens publiziert haben: La Constitución cara al siglo XXI (Taurus, Madrid, 1998). Autoren dieses Buches sind die folgenden sie-ben Mitglieder des Verfassungsausschusses: Manuel Fraga, Inhaber eines Lehrstuhls für Staatstheorie sowie eines für Staatsrecht, Botschafter Spaniens, Gründungsmitglied der Alianza Popular und des Partido Popular sowie derzeit Präsident der Xunta de Galicia; Gabriel Cisneros, seinerzeit Mitglied der regierenden Unión del Centro Democrático und heute des Partido Popular; José Pedro Pérez-Llorca, ebenfalls Mitglied der UCD und ehemaliger Minister sowie heute aus der Politik zurückgezogen lebend; der ebenfalls nicht mehr politisch aktive katalanische Nationalist Miquel Roca; der Sozialist Gregorio Peces-Barba, derzeit Rektor einer Madrider Univer-sität; der seinerzeitige Kommunist und heutige Sozialist Jordi Solé Tura sowie schließlich der Jurist Herrero de Miñon, der den Band zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen hat. La Constitu – ción cara al siglo XXI ist der flüchtige Blick eines jeden der Autoren auf jene Früchte, die die Verfassung aus sich selbst heraus hervorgebracht hat. Jeder ein-zelne legt seine eigene Meinung dar, wenngleich auch alle in drei Punkten übereinstimmen: Erstens in ihrer Überzeugung, daß die Verfassung von 1978 trotz ihrer Schwächen eine gute Verfassung ist; zweitens in ihrem Vorwurf gegenüber den Nationalismen der Peripherie, den Zerfall des Status der Autonomen Gemeinschaften herbeizuführen zu versuchen; sowie drittens in ihrem Glauben, daß eine Verfassungsreform unzweckmäßig ist – außer im Bereich der Funktions-weise des Senats, für den sie eine stärkere Rolle als Repräsentantenhaus auf Territorialebene anstreben.
Schauen wir uns diesen Vorwurf gegenüber den Nationalismen der Peripherie einmal an, zumal er auch in einem anderen der dem Jahrestag der Verfas-sung gewidmeten Bände erscheint, nämlich in La Constitución, 20 años después, einer Gemeinschafts-arbeit der Real Academia de Ciencias Morales y Políticas (Papeles y Memorias de la Real Academia de Ciencias Morales y Políticas, Nr. 2, Juni 1998). Diese mehrheitlich konservativ ausgerichtete Akade-mie führt einige der anerkanntesten Wissenschaftler zusammen, die in Spanien auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften forschen – von der Wirtschaftswissenschaft über die Philosophie bzw. die Politikwissenschaft selbst bis hin zur Rechtswissenschaft. Was übrigens diesen zwanzigsten Jahrestag betrifft, so haben verschiedene Gelehrte ein nicht immer gefälliges Pauschalurteil über unsere Verfassung gefällt. So krankt beispielsweise für Garrido Falla, Ausschußmitglied der Cortes, Lehrstuhlinhaber für Verwaltungsrecht sowie Assi-stent des Verfassungsausschusses, die Verfassung an einem Übermaß an Konsens, was zu zahlreichen Mißverständnissen führte, als es darum ging, Punkte zu behandeln, die, wie zum Beispiel das Recht auf
Bildung, Gegenstand von Meinungsverschiedenhei-ten waren. Der Jurist Lucas Verdú analysiert seiner-seits die Spannung zwischen Norm und Realität, die der derzeitige Konstitutionalismus zeigt, und fragt sich, ob nicht das Verfassungskonzept selbst in die Krise geraten sei. General Fernández Campo, der als Chef des Königshauses amtierte, bewertet die Aus-wirkungen der Verfassung auf die Krone und der Jurist González Pérez untersucht deren Einfluß auf die Reform der Verwaltungsgerichtsbarkeit.
Der Gegenstand, der jedoch die schärfsten Auseinandersetzungen hervorruft, ist einmal mehr die territoriale Frage. Manuel Fraga, über den wir bereits gesprochen haben, würdigt in nuancierter und insgesamt positiver Form die Auswirkungen des neuen Modells der Territorialgestaltung. López Rodó, einer der geistigen Väter der politischen und wirtschaftlichen Öffnung Spaniens während der sechziger Jahre, besteht dagegen darauf, daß die Verfassung in Fragen wie denen des Rechts auf Leben, der Rolle der Krone, des Verfahrens für die Reform selbst sowie wiederum des Aufbaus des Staates der Autonomen Gemeinschaften zweideutig ist oder keine konkreten Aussagen trifft. Fernández de la Mora, ehedem Minister unter Franco und Herausgeber der konservativen Zeitschrift Razón Española, der sich seinerzeit gegen die Verfassung ausgesprochen hatte, bemängelt die Zweideutig-keiten in fundamentalen Fragestellungen – insbeson-dere in solchen, die das Staatsmodell sowie die Territorialgestaltung betreffen. Andererseits kriti-siert Herrero de Miñon, selbst Mitglied des Verfas-sungsausschusses, die Verallgemeinerung des Auto-nomiemodells, das er in der Tat lediglich für auf die “historischen Volksgemeinschaften“ anwendbar hält, nicht aber auf alle spanischen Regionen.
Es bleibt zu betonen, daß Herrero de Miñon diese Verallgemeinerung nicht deshalb kritisiert, weil er bestrebt ist, die Rechte der Randregionen zu bekämpfen, sondern, ganz im Gegenteil, weil er der Ansicht ist, daß jene Regionen mit „historischen Rechten“ – und in der Tat nur diese – einen privile-gierten rechtlich-politischen Status genießen sollten. Und dies, so meinen wir, ist zu betonen, weil das Werk Herrero de Miñons eines der bedeutendsten in der politischen Debatte des vergangenen Jahres war. Dieses Werk, Derechos históricos y Constitución, ist ein schwieriges und mit juristischen Fachausdrücken überladenes Buch, das jedoch insofern Stoff für übe-raus scharfe Auseinandersetzungen bietet, als sein Verfasser, ein herausragender Jurist, Mitglied des Verfassungsausschusses, Minister der UCD sowie in der Vergangenheit maßgeblicher parlamentarischer Führer des rechten Flügels, der einzige den beiden großen Staatsparteien verbundene Politiker ist, der Positionen vertritt, die denjenigen sehr nahe sind, die von den Wortführern der Nationalismen der Peri-pherie vertreten werden. Der Kern der Herrero’schen These kann wie folgt zusammengefaßt werden: Das derzeitige, auf der Anerkennung von symmetrischen Rechten für alle Autonomen Gemeinschaften basie-rende spanische Territorialmodell muß sich mit Blick auf eine andere, asymmetrische Situation weiterent-wickeln, in der die „historischen Rechte“ der Natio-nalitäten mit eigener Identität – jene Sonderrechte, die ihnen im Zuge der Ausdehnung des Herrschafts-bereichs der spanischen Krone seit dem Mittelalter zuerkannt worden waren – und insbesondere des Bas-kenlandes und Kataloniens einen jeweils eigenen und spezifischen Status genießen. Herrero geht hierbei von der Aktualisierung eines Konzeptes von Jellinek, dem des „Fragments des Staates“ (in Fragmentos de Estado, Civitas, Madrid, 1981) aus, das auf jene politi-schen Entitäten angewandt werden sollte, die einige, aber nicht alle Kriterien, die einen Staat ausmachen – Staatsgebiet, Bevölkerung, Regierung -, erfüllen. Diese “Fragmente des Staates” besitzen in den Fällen, die Herrero für Spanien untersucht, historische Sonder-rechte; ein Umstand, der ihnen ein spezifisches Recht auf Identifizierung und auf Begrenzung (nicht not-wendigerweise auf Bestimmung) ihrer selbst und auch ihrer Souveränität gegenüber dem Staat verleiht, dem sie als Fragmente angehören. Dies bedeutet, daß das “Fragment des Staates” eine in gewissem Sinne trans-historische Realität darstellt und infolgedessen sein Recht unabhängig von den rechtlich-politischen Re-gelungen besitzt, die, gebunden an bestimmte Gelegen-heiten, dessen Status determinieren. Daher ändert auch in unserem konkreten Fall die Tatsache einer bestehen-den Verfassung nicht das Geringste an dem „histori-schen Recht“ beispielsweise des Baskenlandes; und dies trotz des Umstandes, daß die Verfassung in ihrer ersten Zusatzbestimmung – obwohl sie die histori-schen Rechte und Territorien mit Sonderrechtsstatus “schützt und achtet” – auch vorschreibt, diese Sonder-rechtsregelungen im Sinne der Verfassung und der Autonomiestatute zu “aktualisieren”. Für Herrero wäre es logisch, würde die Verfassung dahin tendieren, derlei Rechte – und derlei Fragmente – anzuerken-nen und sie in Form von corpora politica separata, also „separaten politischen Körperschaften“, in das Gesamtgefüge einzugliedern. Die Herrero’sche These ist von einer überzeugenden Logik von dem Mo-ment an, in dem wir die kulturelle Identität als einen Faktor anerkennen, der mehr Gewicht hat als die rechtlich-rationale Identität, wenn es um die Konsti-tuierung einer politischen Einheit geht. Nun denn, um jedoch auf den konkret von ihm vorgeschlagenen Fall in umfassender Form Anwendung finden zu kön-nen, müßte ein anderer Umstand gegeben sein – und dies wäre, daß die Betroffenen selbst sich als „Frag-mente des Staates“ begreifen und nicht als alternative und gegenüber dem Gesamtgebilde in Konfrontation stehende Staaten. Ebenso müßte genau bekannt sein, wer die konkreten Verwahrer der historischen Rechte sind oder – anders herum gefragt – wer heute über das Wesen des Fragmentes zu bestimmen hätte: Die gesamte baskische Gesellschaft, die gesamte spani-sche Gesellschaft oder lediglich die baskischen Na-tionalisten? Herrero kann zugestimmt werden, wenn er sich auf eine juristisch-historische Realität aus der Zeit vor der Verfassung beruft, jedoch nur dann, wenn wir eine andere Realität in die Analyse mit einbezie-hen, die ebenfalls nicht unbeachtet bleiben darf: die der politischen Gemeinschaft, die heute innerhalb des Fragmentes wohnt und die das tatsächliche Subjekt der historischen Rechte ist. Nach all dem sowie aus einem weiteren Blickwinkel betrachtet erhält die Herrero’sche These eine deutlichere Perspektive, wenn wir sie in einen allgemeineren Kontext einord-nen: in den des vereinten Europa, in dem sich wirk-liche corpora politica separata einem gemeinsamen Ziel werden stellen müssen.
Es ist offensichtlich, daß Herreros These keinen der-artigen Stoff für Auseinandersetzungen böte, würde sie nicht auf der Tatsache beruhen, daß die Na-tionalismen der Peripherie sich nicht als Versuche begreifen, eine neue Formung Spaniens herbeizu-führen, sondern als Bemühungen, die Einheit des Gesamtgebildes zu brechen. Aus diesem Blickwinkel heraus läßt sich die Haltung des Christdemokraten José Manuel Otero Novas in seinem Buch Defensa de la nación española (Fénix, Madridejos, 1998) unter-suchen. Otero Novas ist Staatsanwalt und war Staats-minister im Amt des Ministerpräsidenten sowie Bildungsminister der UCD, d.h. er war Kabinetts-kollege Herrero de Miñons. In seinem Buch stellt er Aufsätze und Artikel über Themen zusammen wie u.a. die Professionalisierung der Politik, den unbe-gründeten Minderwertigkeitskomplex einiger Spanier, die Wertekrise, die Entmilitarisierung des Heeres, die Korruption in der Politik, die staatliche und die pri-vate Ausbildung, die Gegensätze zwischen rechts und links sowie die Integration Spaniens in die Europäische Union. Als Euroskeptiker ist Otero Novas der Ibero-amerikanischen Nationengemeinschaft zugetan. Ne-ben Rechtsgutachten von Verwaltungsrechtsexperten schiebt der Autor persönliche Anekdoten sowie histo-rische und wirtschaftliche Erörterungen ein. Der umfangreichste Text jedoch, der sozusagen die Säule des Gesamtwerks bildet, ist Defensa de la nación española, wo Otero Novas auf die Autonomen Ge-meinschaften, das Risiko der Beschränkung des Staats-einflusses auf ein Mindestmaß und die Spaltung Spa-niens eingeht. Es bleibt zu betonen, daß Otero selbst als Staatsminister im Amt des Ministerpräsidenten im Jahre 1977 die Vorläufergebilde der Autonomen Ge-meinschaften durch seine Unterschrift abgesegnet hat. Jedoch liegt für den Autor das Problem weder im Konzept der „Autonomie“ selbst noch in der Verfassung, sondern in der im nachhinein erfolgten Anwendung dieses Schemas. So beklagt er, daß die Zentralmacht auf der Laxheit sowie der Nachgiebig-keit gegenüber den Nationalismen der Peripherie be-ruht, und prangert die Gesetzesbrüche durch die seit 1980 amtierenden Regierungen, insbesondere auf dem Gebiet der von ihnen getroffenen Abkommen be-züglich der Frage der Autonomie, an. Otero Novas regt an, die öffentliche Meinung und die Parteien zur Bildung eines großen Paktes zu bewegen, dessen Ziel es sein müsse, ein Ende der Zerfallsspirale herbeizu-führen, wobei er jedoch die genauen Details seines Vorschlags zu konkretisieren versäumt. Was Otero Novas dagegen vorschlägt, ist, das Wahlgesetz im Sinne eines Mehrheitssystems zu ändern, wodurch verhindert werde, daß die nationalistischen Parteien erst den Weg zu einer Regierung Spaniens ebnen. Doch die Schwierigkeit liegt darin, daß das Wahl-system in Spanien durch nichts Geringeres als durch die Verfassung selbst festgelegt wird, so daß sich seine Reform als äußerst kompliziert erweist. Auf jeden Fall gibt das Buch Otero Novas Aufschluß über das Paradoxon des Nationalismus in Spanien: Lobenswert ist die Verfassung aufgrund ihres „syn-kretistischen Geistes“, der das Erbe der Katholischen Könige und der spanischen Habsburger aufgreift. Gleichzeitig jedoch zeigen sich die Auswirkungen, die die Anwendung eben dieser Verfassung hat, als kritikwürdig.
Wir haben bereits erwähnt – und es ist wichtig, dies zu unterstreichen –, daß sich die heutige Debatte in Spanien nicht zwischen den Anhängern der Einheit Spaniens und den Basken, den Galiziern oder den Katalanen abspielt, sondern zwischen den Anhängern der Autonomie (d.h. derjenigen irgendei-ner Region Spaniens einschließlich des Baskenlandes, Galiziens und Kataloniens) und den Nationalisten (d.h. den baskischen, den galizischen und den katalanischen). In dieser Debatte ist eine der über-zeugendsten Stimmen aus dem Lager der Anhänger der Autonomie die des hervorragenden Senators Aleix Vidal-Quadras, der die Auseinandersetzung durch sein Buch Amarás a tu tribu (Planeta, Barce-lona, 1998) bereichert hat. Der Autor – ein Freund glanzvoller Worte und des Paradoxons, Lehrstuhlin-haber für Atomphysik, Senator des Partido Popular Kataloniens sowie selbst Sproß einer seit vielen Generationen katalanischen Familie – ist einer der schärfsten Kritiker des nationalistischen Zerset-zungsstrebens. Ein Vorfall, der selbst die heftigsten Auseinandersetzungen hervorgerufen hat, verlieh dem Erscheinen des Buches besondere Bedeutung: die autonome (nationalistische) katalanische Regie-rung brachte ein Gesetz zur Homogenisierung der Sprachen Kataloniens ein, das die Rechte der kasti-lischsprachigen Bevölkerung beschnitt. Mit dem Hinweis auf seine Unvereinbarkeit mit der Ver-fassung wurde das Gesetz dem Ombudsman vorge-legt, der wiederum öffentlich seine Überzeugung erklärte, daß es der Verfassung zuwiderlaufe, der sich jedoch auch aus politischen Gründen aus der Angelegenheit heraushielt und keinerlei Rechtsmittel gegen den Entwurf einlegte. Das Ereignis rief eine scharfe gesellschaftliche Auseinandersetzung hervor, in der der kämpferische Vidal-Quadras eine entschei-dende Rolle spielte. Indes muß eines hervorgehoben werden: Vidal-Quadras kritisiert weder die Struktur des Autonomieprinzips noch die Zweisprachigkeit in jenen Regionen, in der zwei kulturelle Traditionen zusammenlaufen, sondern die Absicht der Nationa-listen, die Bevölkerung zugunsten der „Kultur der Peripherie“ und zuungunsten der gemeinsamen spa-nischen Kultur zu vereinheitlichen. Das, was Vidal-Quadras rügt, ist letztlich die Absicht des nationa-listischen Lagers, das Zusammenspiel der autonomen Kräfte zu unterbinden. Und aus diesem Blickwinkel heraus sind die in Amarás a tu tribu zusammenge-stellten Texte zu verstehen. Scharf kritisiert Vidal-Quadras auch den Führer der katalanischen Natio-nalisten, Jordi Pujol. Er disqualifiziert die Pujol’sche Variante des Katalanismus, die er als einen tribal aus-gerichteten Mikronationalismus vorführt, der auf irrationalen Elementen fußt und sich durch seinen pathologischen Charakter auf sozialer, moralischer und politischer Ebene auszeichnet. Er enttarnt den Entwurf der Pujol’schen Politik und reduziert ihn auf die Absicht, Katalonien „aus dem gemeinsamen spanischen und multisäkularen Mutterhaus heraus-zureißen“. Er zergliedert die Grundlagen der natio-nalistischen Doktrin und deckt auf, was diese an historischer Manipulation und Zirkelschlüssen ent-hält. Er prangert den im Katalanismus erkennbaren “Totalitarismus” an, wenn dieser unter Rückgriff auf die “dreisteste Verletzung der Grundrechte der Individuen” versuche, die “schonungsloseste und unerbittlichste Gleichmacherei” zu verwirklichen. Und nach seinem Angriff auf den politischen Katalanismus schlägt der Autor vor, „auf gelassene und demokratische Weise den Wettstreit der Ideen zu eröffnen“ und hierbei einen spanischen Patriotis-mus zu predigen sowie die nationalistischen Spitz-findigkeiten zu widerlegen. Schließlich regt er an, “ein strukturelles Abkommen zwischen den beiden großen nationalen Parteien“ zu erreichen, damit „der großen nationalen Partei, die die Wahlen mit einer ausreichenden Mehrheit gewinnen würde, auf dem Wege des Verzichts die Einsetzung in die Regierung auf der Grundlage der gemeinsamen Ausarbeitung der Richtlinien der Staatspolitik durch die andere Partei sicher wäre“. Der Autor greift hier, ausgehend von einem formal andersgearteten, im Grunde jedoch übereinstimmenden Aufriß, die von Alfredo Pérez de Armiñán entwickelte These auf, die die Bildung eines Großen Staatspaktes zwischen den führenden Staatsparteien vorsieht, so daß diese in ihrer Regierungsarbeit nicht von der „gesetzgeberi-schen Scharnierfunktion“ des Nationalismus der Peripherie abhängen. Die philosophische Grundlage des Vidal-Quadras’schen Entwurfs ist die rational-rechtliche Idee des Patriotismus: Angesichts des die eigene Identität hervorhebenden Essentialismus der Nationalisten der Peripherie sollte Spanien eine Nationalität anregen, die auf der freien Übernahme der verfassungsmäßigen Vorgaben beruht. Der Vorschlag ruft in der Tat die Erinnerung an die Debatte wach, die in Deutschland von Jürgen Habermas über den „Verfassungspatriotismus“ ent-facht worden war. Jedoch – wie jener – läßt Vidal-Ouadras eine Frage ungelöst, und zwar die, ob die rational-rechtliche, „aufgeklärte“ Identität in der Lage wäre, dem gesellschaftlichen Zusammenleben ein ähnlich solides Gerüst zu geben wie die kulturelle und historische Identität.
Ein weiteres Buch, das die Debatte über den Nationalismus – wenn auch diesmal nicht von katalanischer, sondern von baskischer Seite – zum Thema hat, ist Jon Juaristis Werk El bucle melancó – lico (Espasa-Calpe, Madrid, 1997), das seinerseits eines der großen Verlagserfolge der letzten Jahre gewesen ist. Zu diesem Erfolg beigetragen hat auch die Persönlichkeit des Autors: Jon Juaristi, Inhaber des Lehrstuhls für Spanische Philologie an der Universität des Baskenlandes, war in den siebziger Jahren Mitglied der ETA, der Terrororganisation des baskischen Nationalismus. Heute, genauer gesagt seit ungefähr zwanzig Jahren, verurteilt Juaristi die Gewalt, kritisiert die theoretischen Grundlagen des baskischen Nationalismus und bekennt sich als Anhänger einer sozialen Ordnung, die es der baski-schen Gesellschaft gestattet, ihre Vielfalt zu bewah-ren. Er begründet dies damit, daß das Baskenland in der Tat, wie auch Katalonien, kein von Nationalisten homogen geprägtes Territorium, noch nicht einmal ein zwischen Anhängern der Spaltung und Anhängern der spanischen Einheit geteiltes Land ist, sondern daß in ihm auch Einwanderer aus dem rest-lichen Spanien leben, die inzwischen die baskische Lebensweise angenommen haben, sowie natürlich auch Basken von Geburt her, die keinerlei Spaltung wünschen. Der baskische Nationalismus – sowohl in seiner gewalttätigen als auch in seiner gemäßigten Variante – neigt dazu, diese Pluralität zu verneinen, während Juaristi bestrebt ist, sie zu verteidigen. Und in eben diese Debatte ist sein Buch, das den Untertitel „Geschichten von Nationalisten“ trägt, einzuordnen. Weshalb die Bezeichnung „Geschich-ten von Nationalisten“? Weil der theoretische Entwurf des baskischen Nationalismus weniger eine systematisch erarbeitete Doktrin als vielmehr ein Corpus von im wesentlichen biographischen Erzäh-lungen ist, bei denen sich stets das gleiche narrative Schema wiederholt: Aus dem Gefühl des Verlustes (daher die „Melancholie“) erwächst ein sich wieder-holender Prozeß der Rebellion, des Opfers und der Niederlage; die Niederlage rechtfertigt natürlich erneut die Rebellion und hier zeigt sich el bucle (die Wendung, die Schleife). Andererseits sind diese Erzählungen des nationalistischen Corpus laut Juaristi von der Geschichtsschreibung selbst wider-legt worden, denn das, was der baskische Natio-nalismus als „Krieg gegen Spanien“ darstelle, sei in Wirklichkeit immer ein Bürgerkrieg innerhalb des baskischen Volkes selbst gewesen. In überaus brillan-tem, bisweilen gelehrtenhaftem Stil geht Juaristi auf die literarischen Wurzeln des baskischen Nationa-lismus ein, untersucht das geschichtliche Bild des Baskentums bei Unamuno, legt den politischen und persönlichen Weg Sabino Aranas, des Begründers des baskischen Nationalismus in den auf das 19. Jahrhundert folgenden Jahrzehnten, dar, durchleuch-tet in einer philologischen Analyse den künstlichen Charakter der „rekonstruierten“ baskischen Sprache, erläutert die Ursprünge der Gewalt im Baskenland und fordert schließlich die Pluralität der baskischen Gesellschaft. El bucle melancólico verdient seinen Erfolg, der nicht nur der Gelegenheit des Augenblicks der Veröffentlichung des Buches zu verdanken ist, sondern vor allem der Qualität des Werkes selbst. Indes gibt es einen Punkt, an dem die Analyse Juaristis schwächer zu werden scheint, und dies ist seine Charakterisierung des nationalistischen Gefühls als Melancholie infolge eines imaginären Verlustes: Der Rückgriff auf das psychologische (psychopathologische) Argument übersieht – wie dies auch bei Vidal-Quadras der Fall ist – das Element der Identität, das jedoch stets präsent ist: Die Einführung dieses Elementes im Rahmen der Analyse hätte das Werk verbessert, das Endergebnis aber unverändert gelassen; schließlich ist dieses die eigene Identität hervorhebende Element, das es zu analysieren gilt, nicht nur ein Element der Nationalisten, sondern stellt auch die zusammenge-wachsene Identität der übrigen Teile der baskischen Gesellschaft dar. Im Falle Spaniens, dessen kollektive Identität eine Art „Identität aus Identitäten“ dar-stellt, ist diese Frage durchaus relevant. Mehr noch: Vielleicht könnte gerade hierin einer der Ursprünge des Problems liegen.
Es liegt auf der Hand, daß eine solche Suche nach der spanischen Identität ihren Ausgangspunkt auf dem Gebiet der Kultur nehmen muß, und so gab es auch in diesem Bereich im Verlaufe des Jahres 1998 gründ-liche Untersuchungen. Eine der bemerkenswertesten Beiträge ist die Wiederauflage von María Zambranos Klassiker Los intelectuales en el drama de España (Trotta, Madrid, 1998). María Zambrano (1907-1991) ist eine der wenigen weiblichen Namen, die sich im Bereich der spanischen Philosophie hervorgetan haben. Das Buch Zambranos, einer von den spanischen Hei-deggerianern überaus geschätzten Schülerin Ortegas, stellte eine Perspektivierung der Rolle der Intellektuel-len in unserer Geschichte dar, wobei der genannten Wiederauflage neue und somit vor dem Vergessen-werden bewahrte Texte hinzugefügt wurden. Das erste, was María Zambrano beschreibt, ist, bis zu welchem Punkt das Problem Spanien in der spanischen Intellek-tuellenwelt gegenwärtig ist, wenngleich dies auch stets von einem Standpunkt aus geschieht, der von der sozialen Wirklichkeit entfernt ist: „Alle Intellektuellen, die in der spanischen Geschichte von sich haben reden machen, zeichnen sich durch die nach ihren eigenen Methoden erfolgte Suche nach Spanien aus oder aber durch die Flucht vor eben diesem Spanien.“ Die am häufigsten wiederholte Botschaft der Autorin lautet: Der Intellektuelle muß zum Volk herabsteigen. Das Buch Zambranos ist typisch für die Problematik der dreißiger Jahre, als eine Republik, die zwar von zahl-reichen Intellektuellen geprägt und auch in bemer-kenswertem Maße intellektualisiert war, dennoch nicht zu sehen vermochte, was sich auf den Straßen anbahnte: den Bürgerkrieg von 1936 bis 1939. Andererseits weist das Buch Bezüge zur Gegenwart auf – und dies in dem Maße, in dem es die Tatsache ins Bewußtsein ruft, daß die spanische Kultur zu lange am Rande der europäi-schen Kultur verharrte und dafür einen hohen Preis zahlen mußte. Indes treffen wir in der spanischen Kultur die gleichen Spannungen und Sehnsüchte an wie auch in der europäischen: die Spannung zwischen reinem Wollen und reinem Zusammenleben, zwischen Realismus und Poesie, zwischen Epik und Mitleid. Das Ziel wäre es, unser eigenes Wesen wieder mit Augen zu sehen, die nicht in so hohem Maße die „unsrigen“ sind. Diese grundlegende Übereinstimmung zwischen der europäischen und der spanischen Kultur ist auch die Triebfeder für die Entstehung eines weiteren, unlängst erschienenen Buchs: De la inexistencia de España von Juan Pedro Quiñonero (Tecnos, Madrid, 1998). Der Journalist Juan Pedro Quiñonero ist ein alter Kenner sowohl der spanischen als auch der europäischen Kultur. Ausgehend von der Idee eines vielgestaltigen, in unserer Geschichtsschreibung klassischen Spanien, nuanciert und prüft der Autor erneut eine endlose Zahl von Gesichtspunkten, um sie im Lichte der Aktualität zu spiegeln. Interessant ist, daß Quiñonero auf dem Grunde der spanischen Kultur etwas aufdeckt, was er als eine „Geistes-krankheit“ bezeichnet – nämlich die Tatsache, daß, während alles in Spanien der Einheit zustrebt, gleich-zeitig alles auseinanderläuft und somit Disparität hervorruft. Diese Idee wiederholt sich in den von Quiñonero untersuchten Themen – die galizische Dichterin Rosalía de Castro, die mittelalterlichen jar – chas (volkstümliche Gesänge dreifachen, d.h. arabi-schen, jüdischen und christlichen Ursprungs), der radikal-katalanische Politiker Prat de la Riba, usw. Quiñonero baut seine Untersuchungen auf der Grundlage eines „Spanien der drei Kulturen“ auf: Raimon Llull, San Juan de la Cruz, Ibn Arabí und El Quijote. Und aus diesem Erbe leitet er ab, daß die besten Philosophen unseres Landes die spanischen Mystiker gewesen sein müssen, deren Quelle der Gnostizismus sowohl christlichen als auch jüdischen und sufistischen Ursprungs ist. Zwar ist die geschichtswissenschaftliche Untersuchung anfecht-bar, jedoch trägt Quiñonero eine Idee vor, die ein aufmerksames Studium verdient: Spanien ist ganz wesentlich durch die spanische Kultur determiniert, und alles übrige einschließlich des Staates könnte nebensächlich sein.
Die Frage liegt natürlich in der Anpassung oder Nichtanpassung dieser so verstandenen Kultur an den Geist der Gegenwart. Es zeigen sich hier zwei Möglichkeiten: Entweder bringen wir die spanische Kultur vom Standpunkt ihrer Anpassung an die Moderne zur Sprache oder wir tun dies aus dem Blickwinkel der eigenen kulturellen Tradition her-aus. Im Rahmen der ersten Option ist ein interessan-ter Band zu erwähnen, das Buch Biografía de España des Historikers Fernando García de Cortázar (Gala-xia Gutenberg/Círculo de Lectores, Madrid, 1998). Cortázar, ein Baske mit religiösem Hintergrund, gehört in den Bereich, den wir als neue liberale Geschichtsschreibung bezeichnen könnten. Zwi-schen der Geschichtsschreibung eines „Spanien als Hammer der Ketzer“, das für den konservativen Traditionalismus im Stile eines Menéndez Pelayo typisch ist, sowie der Geschichtsschreibung eines “verdammten Spanien der Moderne“ im Stile der Linken versucht diese neue liberale Geschichts-schreibung den Weg Spaniens innerhalb der allge-meinen Evolution der abendländischen Moderne einzuordnen. Deren typischstes Beispiel ist wie-derum ein anderes Buch Cortázars, seine Breve Historia de España (Alianza, Madrid), mit dem der Autor Verkaufsrekorde brach. Die Originalität die-ses neuen Buches, der Biografía de España, besteht darin, daß es eine Untersuchung verschiedener Aspekte unserer historischen Wirklichkeit anhand einer Ad hoc-Auswahl klassischer Texte darstellt. Auf den Seiten dieses Buches, eines für eine größere Verbreitung bestimmten Beitrags, ziehen Cádiz und die Zeit der Phönizier, Córdoba und die Erinnerung an die arabische Epoche, Toledo, Madrid und andere Stationen vorbei, ohne daß das Werk jedoch einen Kommentar zu den jüngsten Epochen – so beispiels-weise zur Barbarei des Terrorismus – umgeht. Das, was Cortázar letztendlich anstrebt, ist die Befreiung Spaniens vom Trauma der Moderne.
Indes bleibt uns noch die andere Option, diejenige der Tradition. Und hier ist eine bemerkenswerte Neuauflage zu erwähnen, die des Klassikers Defensa de la Hispanidad von Ramiro de Maeztu (Rialp, Madrid, 1998). Diese Neuauflage erfolgte im Zusammenhang des Gedenkens der sogenannten Generation von 98 (Generación del 98), einer Pleijade von Schriftstellern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Charakter der spanischen Kultur veränderte. Der Baske Ramiro de Maeztu (1874-1936) ist einer der großen Kenner des spanischen Kulturtraditionalismus. Und Defensa de la His – panidad (1934), das später als Programm der tradi-tionellen spanischen Rechten angesehen wurde, betörte seinerzeit einen von diesen Ideen weit ent-fernt stehenden Mann wie Antonio Machado, der damals als Mitarbeiter der kommunistischen Zeit-schrift Octubre tätig war. Gegen Maeztu hatte sich seit den zwanziger und dreißiger Jahren, also lange vor seinem eigenen Tod, eine sonderbare Verschwö-rung des Schweigens gebildet. Jedoch glaubt der Nordamerikaner E. Inman Fox, daß Maeztu mit Ortega und Unamuno einer jener Denker ist, die die soziopolitischen Strömungen im Spanien ihrer Zeit am meisten beeinflußt haben. Ursprünglich Sozialist in der Tradition der Fabian Society und als in dieser Tradition vielbeachteter Journalist noch in den Labour-Debatten gegenwärtig, bewegte sich Maeztu in den zwanziger Jahren im Umfeld des katholischen Denkens, wobei er zum Anführer dessen wurde, was ein zeitgenössischer Gelehrter, Gil Pecharromán, den “subversiven Konservatismus“ genannt hat. Die Erleuchtung Maeztus erfolgte nach eigenen Angaben in seinen englischen Jahren: „Das, was ich im Ausland lernte, war, daß bei den christlichen Völkern die Tradition die Grundlage des Fortschritts ist.“ Und im Falle Spaniens ist diese Tradition die in der Zeit zwischen dem 15. und dem 17.
Jahrhundertgeschriebene Geschichte: „Mit der Entdeckung der Seewege des Morgen- und des Abendlandes formte (Spanien) die physische Einheit der Welt; mit der Durchsetzung des Dogmas in Trient, das allen Men-schen die Möglichkeit der Erlösung und – infolge-dessen – des Fortschritts zusicherte, legte (es) die erforderliche Maßeinheit fest, so daß nun mit Recht von der moralischen Einheit des Menschengeschlechts gesprochen werden konnte. Folglich schrieb das Spaniertum die Weltgeschichte, und es gibt außer-halb des Christentums keine andere in der Welt, die mit dieser vergleichbar wäre.“ Die Identität Spaniens ruht daher nicht in sich selbst, sondern in ihrer Projektion nach außen, und diese Projektion ist das, was man als Spaniertum (Hispanidad) bezeichnet. Außer Zweifel steht sicherlich, daß diese Idee des Spaniertums, die Maeztu vielleicht zu sehr mit der religiösen Tradition verband, heute, nach Vollendung der Folgen der Säkularisierung, neu interpretiert werden müßte. Tatsache ist jedoch, daß diese Idee, das Spaniertum, als eine Zivilisationsgemeinschaft fortbesteht, die zu einer Koexistenz der verschiede-nen Kulturen innerhalb einer Wertegemeinschaft geführt hat. Dies ist eine Perspektive, die auch dann wertvolle Anregungen bieten kann, wenn wir sie auf die Zukunft projizieren; denn sie eröffnet eine zusätzliche Dimension neben der unzweifelhaften europäischen Bestimmung Spaniens.
Diese zehn Bücher über das Problem Spanien, die zwar nicht die einzigen zu diesem Thema erschiene-nen sind, die aber zu den bedeutendsten zählen, zei-gen deutlich die Natur der öffentlichen Debatte in unserem Land. Es ist dies eine Debatte, die zudem weit davon entfernt ist, als abgeschlossen gelten zu können, und die sowohl ihre Vorteile in sich birgt als auch das staatsbürgerliche Bewußtsein anregt und zu grundlegenden Antworten auffordert. Die Positio-nen sind unterschiedlich, doch ist es möglich, eine Schlußfolgerung zu ziehen: Auf der Ebene der Kultur vereinigen sich alle Stimmen dieses faszinie-renden und vielgestaltigen, mehrstimmigen und zum Verzweifeln uneinheitlichen Spanien der Vergangen-heit und der Zukunft am Ende doch zu einer einzi-gen, monumentalen und klangvollen Symphonie.
Der Text wurde von Dr. Benedikt M. Helfer aus dem Spanischen übersetzt.
Herrero de Miñon et al. (Hgg.), La Constitución cara al siglo XXI, Madrid: Taurus 1998.
Die Auseinandersetzung um die Verfassung
La Constitución, 20 años después, Papeles y Memorias de la Real Academia de Ciencias Morales y Políticas, Nr. 2, Juni 1998.
Herrero de Miñon, Derechos históricos y Constitución, Madrid: Taurus.
Kritik an den Nationalismen
José Manuel Otero Novas, Defensadelanación española, Madridejos: Fénix 1998).
Aleix Vidal-Quadras, Amarás a tu tribu, Barcelona: Planeta 1998.
Jon Juaristi, El bucle melancólico, Madrid: Espasa-Calpe 1997.
María Zambrano, Los intelectuales en el drama de España, Madrid: Trotta 1998.
Die kulturelle Identit t Spaniens
Juan Pedro Quiñonero, De la inexistencia de España, Madrid: Tecnos 1998.
Fernando García de Cortázar, Biografía de España, Madrid: Galaxia Gutenberg/Círculo de Lectores 1998.
Ramiro de Maeztu, Defensa de la Hispanidad, Madrid: Rialp 1998.




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